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Athen

Das neue Album • Ab jetzt
Limitierte Athen Deluxe Edition
AB: 21.10.2019 - Limitierte Athen Deluxe Edition
180 Gramm Doppel-Vinyl
+ 64 seitiges Fotobuch
+ alle Songtexte
+ MP3 Download Voucher
 
13 SONGS
feat. Trettmann, Megaloh, Sugar MMFK, Dirk von Lowtzow, Yonii, Joy Denalane u.v.m.
 
+ "HIER" EP
12" Vinyl inkl. 2 Songs, 2 Versions feat. Dendemann, OK KID, Alli Neumann, Afrob, Monchi & Fatoni
Max Herre - Athen - Limitierte Athen Deluxe Edition

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Athen Tour 2020

Biografie

Max Herre hat ein neues Album gemacht. "Athen" ist eine Auseinandersetzung mit der Subjektivität des Scheiterns und der Kraft neuer Anfänge. Vor allem aber ist die Platte eine Pionierleistung: weil sie Brüchigkeit zulässt und eine Ahnung davon vermittelt,was das überhaupt sein könnte, "Grown-Up Rap". Über den Aufbruch zu einer Reise. 

Am Anfang steht die Stimme von Melina Kana. Es ist die Stimme einer der großen Sängerinnen Griechenlands. Vor allem aber ist es hier die Stimme eines Sehnsuchtsorts. "Athen" handelt von einem Trip, der zu früh endet, und davon, wie sich in wenigen Augenblicken neue Wege auftun können, ungeachtet aller Routen im Navi. Max Herre erzählt auf dem Intro-und Titelsong von einer Liebesbeziehung, die in einer Reise gipfeln soll, runter nach Griechenland, wo die Sonne ist und die Ahnung von Geschichte. Tatsächlich jedoch zerbricht diese Liebe auf dem Weg dorthin, vielleicht an ihrer plötzlichen Möglichkeit, vielleicht auch an einer Kleinigkeit oder an etwas so großem wie dem Leben: "200 Kilometer Sprachlosigkeit, auf dem Weg nach Athen, und es war noch so weit." Man spürt die Beklemmung, die unausweichliche Nähe zwischen Fahrer-und Beifahrersitz: so viel Möglichkeit zu sprechen, aber keine Worte. Und draußen, da ist nur Weite. In dieser Weite löst sich schließlich alles auf – zwei Minuten psychedelischer Soul ohne Worte, in denen alles gesagt wird, was zu sagen war. 

Max Herre hat ein neues Album gemacht. Es ist sein erstes seit sieben Jahren. Auf "Hallo Welt" verband 2012 ein wegweisender Musiker und Texter sein eigenes Erbe mit den Zeichen der Zeit. Die Platte stieg auf Platz eins der Albumcharts ein und erhielt Goldstatus, knapp 20 Jahre nach den ersten Sessions im Probekeller des Kumpels um die Ecke. Solche Karrieren sind im Rap eigentlich nicht vorgesehen. Bei Max Herre fühlte es sich natürlich an. Er legte ein (sogar noch erfolgreicheres) "MTV Unplugged"-Album nach, spielte die ganz großen Bühnen und produzierte mit seiner Ehefrau Joy Denalane das vielleicht beste zeitgenössische R&B-Album in deutscher Sprache ("Gleisdreieck"). Vor allem aber begab er sich auf die Suche. Auf die Suche nach einem Sound, der ihn selbst überraschen und neu begeistern würde. Auf die Suche nach einem Gefühl der Dringlichkeit. Auf die Suche nach seiner Geschichte. Das Ergebnis dieser Suche ist "Athen". 

Der Roadtrip nach Athen führt zunächst an die Serpentine am Fuße einer Mittelmeervilla. Wie eine Verheißung steht die Villa am Ende dieser Straße vor einer Klippe, vollkommen die Proportionen ihrer Linien, vollkommen der Kontrast ihrer schneeweißen Front mit dem tief blauen Wasser der Ägäis. Max Herre beschreibt das Haus als eine Konstruktion: Es ist tatsächlich zu schön, um wahrhaftig zu sein. Die Villa ist zum Greifen nah, aber dennoch nicht zu erreichen. Der Sehnsuchtsort wird zum Sinnbild des ewigen Strebens nach Optimierung, das so zehrt an unserer Zeit, zu einer Projektion der Perfektion. Der Zeitlupen-Beat schwebt irgendwo da oben, wo es schon lange keine Clouds mehr gibt. Autotune zerrt die Stimmen ins Irreale. Und Feature-Gast Trettmann singt von der Traurigkeit eines Traums, der in seiner Erfüllung plötzlich verbleicht. "Alles verloren, was mal wichtig war." Es herrscht absolute Dunkelheit im gleißenden Sonnenlicht. 

"Athen" ist eine Auseinandersetzung mit der Subjektivität des Scheiterns und der Kraft neuer Anfänge. Es geht um das, was vielleicht war, und um das, was hätte sein können. Die Stücke schaffen Verbindungen zwischen Generationen und Orten, zwischen einzelnen Schicksalen und geteilten Erinnerungen. Sie lassen Verletzlichkeit zu und Fragen unbeantwortet, aber keinen Raum für Fatalismus. Es mag eine Binsenweisheit sein, aber Max Herre füllt sie auf "Athen" mit der sehr realen Bedeutung eines, ja, seines Lebens: Wo etwas endet, beginnt etwas Neues. Und eine ausgelassene Chance ist immer auch die Gelegenheit, eine andere zu nutzen. 

Auf "Athen" spiegelt sich dieses Moment neuer Möglichkeit in "Terminal C (7 Sek.)", dem dritten und letzten Song der Eingangssequenz. Es ist mehr ein Mood als ein zu Ende 
geschriebenes Lied, aber schon das Gefühl erzählt eine Geschichte. Der alte Küstenflughafen Ellinikon im Süden von Athen, der nur noch fortlebt in den Gedanken an ihn, wird für Max Herre zum Symbol des Aufbruchs, zum Symbol einer Kraft, die sich aus Erinnerung speist. "Es waren nur sieben Sekunden, und daran halten wir fest." Sieben Sekunden sind die Zeitspanne, in der sich menschliche Erinnerung formt. Sieben Sekunden sind damit auch die Zeitspanne, in der sich neue Horizonte und Konstellationen ergeben können. Dass der Track auf einer Skizze des in Stuttgart lebenden Beatproduzenten Dexter basiert, einem eindeutigen Erben der Generation um Max Herre und Freundeskreis, mag Zufall sein. Aber es ist auch eine schöne narrative Volte einer bemerkenswert vielschichtigen Platte. 

"Mir geht es darum, wie Erinnerung funktioniert", sagt Max Herre über diesen sehr leisen Schlüsselmoment eines insgesamt eher leisen Albums. "Das ist etwas wenig Lineares, eher wie Gedankenfetzen, die plötzlich herein schießen, sich überlagern, sich auch gegenseitig verfälschen. Vergangenheit ist damit etwas sehr Subjektives. Das ist ein großes Thema dieser Platte: die eigene Geschichte, ein Abgleich mit dem Jetzt, ein Sortieren – wie Diggen in den Plattenkisten der eigenen Erinnerung." 

Musikalisch bedeutet das auf "Athen" ganz Unterschiedliches. "Nachts" zum Beispiel basiert auf einem Sample der DDR-Jazzrock-Band Panta Rhei und ihrer Sängerin Veronika Fischer. Das direkt an Max Herres Vater gerichtete "17. September" (eine Zusammenarbeit von KAHEDI alias Samon Kawamura, Max Herre und Roberto di Gioia, die wie gewohnt das gesamte Album produziert haben, mit den Riddim-Architekten der Stunde, KitschKrieg aus Berlin) erinnert an den wehmütigen Disco-Dub einer Grace Jones. "Siebzehn" wiederum spielt mit der Ästhetik der neuen Tokioter Lofi-Beats-Szene aus dem SP-404-Sampler: eine 90s­Rap-Reminiszenz, in der sich Max Herre der eigenen Vaterschaft über eine Spiegelung des Sohn-Seins nähert. Das alles wird zusammengehalten von einer unausgesprochenen Melancholie und Brüchigkeit, einem radikal mutigen Verzicht auf jeden offensichtlichen Swag-Moment. Max Herre hat den ureigenen Impuls eines jeden Rappers hinter sich gelassen, um Rap neu für sich zu erfinden – vielleicht für eine ganze Generation. Solange, Frank Ocean oder Jay Zs "4:44" sind hier die relevanten Referenzen. Hinzu kommt der pophistorische Zitatschatz eines Fans und Forschers, der sich nie primär als MC definiert, sondern immer in Musik gedacht hat, der Spiritual Jazz, Gospelchöre oder Trap-Flows zunächst mal als Ausprägungen ein und derselben Idee versteht. Beispielhaft dafür sind die beiden Split-Songs "Nachts / Diebesgut" und "Fälscher / Konny Kujau" oder auch der Kontrast der Stimmen von Megaloh, Sugar MMFK und Dirk von Lowtzow auf dem ebenfalls von Dexter co-produzierten "Dunkles Kapitel": Mehr musikalische und erzählerische Dynamik wird man auf einer deutschsprachigen Rapplatte 2019 schwerlich finden. 

Es gibt diese Passage im letzten Drittel von "Athen", in der sich sowohl das Fragmentarische als auch die Tiefe dieses Albums endgültig öffnen. Zunächst folgen in dieser Passage beide dezidiert politischen Songs der Platte aufeinander. "Dunkles Kapitel" rekapituliert Geschehnisse deutscher (Familien-)Geschichte und öffnet so die Sicht auf Dynamiken im Heute. "Sans Papier" (mit Yonii) dagegen schildert stellvertretend das Schicksal von einem, der seiner Identität und seines Rechts auf Heimat beraubt wurde. Max Herre, der Chronist: Es sind Beschreibungen ein und derselben Gegenwart, aus zwei Perspektiven. Danach wendet sich der Blick wieder vom Weltgeschehen nach innen, auch auf das Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen. "Du bist ein Fälscher" stellt eine unbekannte Frauenstimme nüchtern fest, und es folgt eine knapp siebenminütige Auseinandersetzung mit Selbst-und Fremdbildern, mit der eigenen künstlerischen Historie und den Erwartungen anderer, mit den inneren Brüchen und Widersprüchen, die sich im Laufe eines Lebens scheinbar zwangsläufig auftun. Max Herre, der ewige 23-jährige Politrapper? Max Herre, der 46-jährige Mann, Musiker, Vater, Sohn, Mensch? "Athen" ist voll von diesen kleinen Binnennarrativen, die das übergeordnete Motiv des Roadtrips bewusst aufbrechen und ihm gleichzeitig neue Layer hinzufügen. Alles fließt – aber die Ebenen wechseln permanent. 

"Die Vorstellung eines stringent chronologischen Konzeptalbums funktioniert für mich nicht", sagt Max Herre. "Die Platte ist eher wie eine Sammlung von Fragmenten – zusammengehalten von einem Ort, von dem ganz vieles ausgeht. Athen hat mir die Möglichkeit gegeben, mich auf unterschiedlichen Zeitachsen mit der Vergangenheit und dem Jetzt auseinanderzusetzen." Max Herre hat die Stadt oft besucht. Als kleiner Junge zu Besuch bei seinem Vater, der Ende der achtziger Jahre dort lebte. Als junger Mann auf der Suche nach Samples und Inspiration. Als erwachsener Mann auf der Suche nach Missing Links in seiner Biografie. Athen ist für ihn Ort des Erlebten und des Erlebens zugleich, eine Stadt an einem neuen Wendepunkt ihrer Geschichte, in dem Verfall und Aufbruch ganz selbstverständlich nebeneinander stehen. Als er diese Klammer gefunden hatte, eröffnete sich die Struktur des Albums quasi von selbst. Herre musste nur noch Erinnerung zulassen, sortieren und sie schließlich gemeinsam mit seinem Co-Autoren Maxim (sowie Tua für den Titelsong "Athen") in Texte fassen. "Ich musste mir nichts mehr ausdenken, es war alles da. Es ist immer alles da. Man muss sich als Künstler nur einen Zugang legen. Und mein Zugang war diese Stadt." 

Athen hat Max Herre auf eine Reise geschickt: im Kopf, im Studio und auch in dem Kurzfilm, der das Album begleitet und einige seiner zentralen Momente in Bilder fasst. Die Bucht von Vathy, das Haus eines Familienfreundes, der verlassene Flughafen. Die Auseinandersetzung mit dem Vater und der Mutter, die Biografie des Onkels aus Athen, die Begegnung mit dem ältesten Sohn und, natürlich, die Beziehung mit der Frau seines Lebens. "Du hast mich gesehen an meinem blinden Punkt, das Wenigste von mir", singt Max Herre auf dem abschließenden Duett mit Joy Denalane. Er singt es mit überwältigender Schlichtheit; "Das Wenigste" ist kein groß inszenierter Homecoming-Moment, keine Überhöhung ewiger Hingabe. Vielmehr ist es ein Blick der Klarheit darauf, was das eigentlich sein könnte, diese Liebe. Was ihre Essenz ist, was sie am Leben hält, was uns am Leben hält. Die große Reise, sie endet zuhause. 

"Athen" ist eine ganz und gar einzigartige Platte: weil sie sich aus Erinnerung speist und dabei radikal frisch klingt. Einer der wichtigsten Musiker dieses Landes hat, nach einem Vierteljahrhundert im Geschäft, die wichtigste Musik seiner Karriere gemacht. Das alleine ist eine kleine Sensation. Dass diese Musik zusätzlich den Weg freimacht für Neues, macht sie noch besonderer.

Davide Bortot, Mai 2019 

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